Er schreibt erfolgreich. Natürlich Weltbestseller:  Sie heißen „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, „Homo Deus“ oder „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“. Drei richtige Bücher in wenigen Jahren. Er denkt und schreibt meist selbst. Und das originell, auch wenn Ihn ein ganzer Stab zu unterstützen scheint. Zumindest ist die Dankesliste für alle Unterstützer recht lang. Die Literaturliste auch.

Nach dem Erfolg der „Kurzen Geschichte der Menschheit“, in der er in launiger Sprache und mit originellen Gedankenwendungen das Buch zu einem richtigen Lesevergnügen gemacht hat, kümmern sich die beiden neueren Bücher mehr um die Zukunft. Er entwirft Szenarien für die Zukunft und positioniert sich mit klaren und z.T. auch wagemutigen Prognosen für die Zukunft der Menschheit.

Das ist auch eines meiner Themen.

 

Für ihn ist die Digitalisierung ein absoluter Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Kein Wendepunkt wie die historische Renaissance vor 500 Jahren. Nein: In der Geschichte der Menschheit überhaupt. Dabei hat für ihn die Zukunft schon begonnen, denn die technologische Basis für alles Weitere ist schon gelegt: Es gibt bereits nicht nur die öffentlich sichtbare Entwicklung der Computer seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Es gibt z.B. das Internet, das mit seiner Ökonomisierung seit knapp 30 Jahren eine immer atemberaubendere Entwicklung hinter sich gebracht hat. Und im allgemeinen Bewusstsein vor allem der jüngeren Generation hat das Digitale Zeitalter schon so etwas wie eine natürliche Selbstverständlichkeit angenommen.

Das kennen Sie doch auch, oder?

 

Also interpretiert Harari die Veränderungen der gegenwärtigen Lebensverhältnisse, ihre Folgen und ihre sozialen Bedeutungen. Und er spekuliert über die ahnbaren nächsten Großentwicklungen der Menschheit. Also vielleicht in 70 Tausend Jahren, so weit reicht sein Blick. Zumindest sagt er das so.

 

Für die größten Treiber dieser anstehenden Großentwicklungen hält Harari zwei Bereiche für entscheidend: Die stürmische Digitalisierung in allen Lebensbereichen und die Fortschritte der Neurobiologie – also primär die Hirnforschung – und alles, was so dazu gehört.

 

Bemerkenswert, dass er die Psychologie in diesem Zusammenhang nicht nur nicht erwähnt, sondern sie sogar konsequent ignoriert. Gleichwohl zitiert er viele psychologische Erkenntnisse und nimmt quasi fachpsychologische Einschätzungen und Interpretationen vor. Anscheinend, um seine vielen scheinrationalen psychologischen Betrachtungen zu untermauern. Von der Psychologie als Fach und ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen hält er offenbar wenig.  Sein namentlich geäußerter Wissensschatz konzentriert sich auf Freud und die Erwähnung der Psychoanalyse – also auf die Zeit der Uranfänge der wissenschaftlichen Psychologie. Für einen Historiker doch bemerkenswert, der im „Jahrhundert der Psychologie“ geboren wurde…

Aber eigentlich ist er ja so etwas wie ein Sozialdiagnostiker, der die Zeit der Moderne und der Postmoderne scannt wie ein Düsenjäger, schnell in der Überbrückung der Zeiten, der aus stratosphärischen Höhen auf die von dort aus sichtbaren Dinge und Prozesse schaut. Er macht das mit einer schönen Verwendung der Sprache. Er mixt seine journalistischen Darstellungen mit überraschenden Perspektivwechseln. Er gurrt mit seinem Sprachgefühl und einer fast unerschrockenen Laune zu überraschenden Wechseln der Betrachtung und Bewertung von unkonventionell zusammengetragenen Einzelheiten. Und er erlaubt sich freimütig einige Positionen, die sich aber schön zum Erschrecken der anderen eignen. Man könnte Ihn in mancherlei Hinsicht als eine Art Anti-Sloterdijk bezeichnen: Während dieser Heidegger-mäßig dem gesellschaftlichen Zeitgeist nachspürt, redet Harari wie der allmächtig Wissende über die digitale Zukunft des Menschen – notfalls auch über deren mögliches Ende. Am liebsten aber kündet er von der anstehenden Überwindung des bisherigen Menschen durch die IT und die künstliche Intelligenz. Die Schnelligkeit der Maschinen-Rechner gegen die menschliche Intelligenz: Das Ergebnis können Sie sich ja an jedem Rechner anschauen, wenn Sie beider Wissen und Gedächtnisleistungen vergleichen!  Wer eine Firma sucht oder einen Freund in Kanada kontakten möchte, geht eher über das Internet als über die Post und das Telefonbuch. Und wenn Sie sich in den meisten Produktionshallen der industrialisierten Welt umschauen, werden Sie feststellen, was sich gegenüber der Zeit vor 20 oder 30 Jahren verändert hat.

 

Wo Sie sich heute noch Gedanken machen müssen, ob Sie noch schnell etwas zum Essen einkaufen sollten, werden morgen mit aller Selbstverständlichkeit die Kühlschränke dem Menschen seine eigene Bedarfslage melden. Und wie Harari annimmt: treffsicherer und früher, als es der Mensch selbst bewusst wahrnimmt. Denn die auf den Einzelnen spezialisierten Algorithmen haben den persönlichen Bedarf schon früher erkannt!  Und was das autonome Fahren anbetrifft sowie die vor der Dominanz der autonomen Autos im Real-Verkehr vorgängig zu treffenden Moralentscheidungen, die wir Menschen vor der Programmierung der Maschinen zu treffen haben, könnte Harari vielleicht einen Voraussage-Fehler gemacht haben: Ob sich Tesla schon mit Gewerkschaften, Kirchenvertretern und der Ethikkommission der Bundesregierung sowie einigen Unternehmensvertretern darauf geeinigt hat, welche Menschenopfer im Konfliktfall eher einzugehen wären, das kann ich nicht mit Sicherheit sagen.

 

Macht auch nichts, denn Harari erlaubt sich mit seinen provokativen Spekulationen eben einige Gedankenspiele, bei denen nicht alles an Annahmen und Belegen wie Prognosen stimmen muss: Spaß muss das Denken machen! Purzelbäume darf es schlagen. Ob dabei Affekte mit Emotionen gleichgesetzt werden, oder Gefühle vielleicht etwas anderes sind, das spielt für Harari keine entscheidende Rolle. Die Psychologie spielt nach seiner Auffassung ohnehin künftig keine wichtige Rolle mehr im Leben der Menschen. Sie werden von den Gefühlen heute noch geschüttelt und in die Irre geführt. Die neuen Götter der Phantasie ermöglichen hingegen künftig alles: den Umsturz des Denkens und der Gefühle, der Wirtschaft und der Sozialbeziehungen, der Entscheidungsprozesse und der Produktion. Sie ermöglichen irgendwann einfach die totale Kontrolle und Steuerung der Menschen!

 

Und ach, die vorläufige Unsterblichkeit der Menschen wird auch noch rechtzeitig und angemessen geregelt, bevor die Menschheit dann in vielleicht 70 Tausend Jahren ohnehin irgendwie verschwindet und die sich selbst steuernden Roboter mit ihrer künstlichen Intelligenz die Herrschaft im Universum übernehmen.

 

Nur eine begrenzte Schreckenszeit müssen wir vielleicht noch durchstehen, bevor es soweit ist: Völlig klar, dass das demokratische Zeitalter mit seinen seltsamen Wahlen und Mehrheitsentscheidungen von berechenbaren Algorithmen abgelöst wird. Denn was braucht man das noch im Zeitalter der heraufziehenden Diktaturen, die die überwiegend arbeitslose Allgemeinheit zu ihrem vorberechneten Glück oder Unglück führen werden?

 

Und ach ja: Die soziale Kontrolle hat schon begonnen. Die wenigen, die dies wissen sollten, wissen es ja bereits. Sie doch auch, oder? Wo ist heute noch der Unterschied zwischen dem chinesischen Sozialpunktesystem dort und den Schufa-Daten, der elektronischen Patientenakte sowie den Daten der Krankenkassen und der Autoversicherungen und, und und… wenn die Daten miteinander verknüpft werden.

Früher im Mittelalter mussten selbst die armen Bauern ihren Zehnten an die Fürsten abgeben. Heute heißt die demokratische Formel anders: Jeder, der ein Handy oder ein Smartphone bedienen kann, bezahlt einfach mit seinen persönlichen Daten – bei allem, was er kauft, was er von sich gibt und wohin er sich bewegt! Die nutznießenden Firmen der Herrscher im Westen und Osten kann man ja schon heute ganz einfach an zwei Händen mit jeweils fünf Fingern abzählen…

Angeblich dient das alles nur der Verbesserung der Welt. Das stimmt unbedingt: Für die 0,1% oder 0,001 % der Weltbevölkerung, die …