Wer in der hypermodernen Welt leben und arbeiten und nicht bewusstlos am Rande des Geschehens dahinvegetieren will, sondern führen, gestalten und erfolgreich sein will, der muss über außerordentliche Fähigkeiten verfügen. Dazu gehört u.a. MultiTasking.

Wer nicht über MultiTasking verfügt, sollte sich einpacken lassen: Notfalls standesgemäß in Alufolie mit dem Headset auf den Ohren und einem Blutdruckmesser am Handgelenk. Notfalls tut es ein Pulsmesser von Garmin oder TomTom. Am besten nicht von Outbrain, obwohl die super sein sollen.

 

Wichtiger ist vielmehr die geballte energische Anstrengung, besser zu sein als alle diese Mitmenschen nebendran. Denn Wettbewerb beherrscht unser Dasein. Das muss wohl die Evolution schon so gewollt haben. Daran besteht kein Zweifel! Jedenfalls nicht bei denen, die gegürtet mit der Ausrüstung zeitgemäßer Leistungskrieger und der inneren Einstellung von mentalen Marathonläufern die täglichen Herausforderungen bewältigen.

Ich verstehe jetzt auch, warum die Taschen von Männerhosen auf ungefähr der gleichen Höhe sind, wie bei den glorreichen Westernhelden des 19. Jahrhunderts. Sehr eindrucksvoll: Auf der Höhe der locker hängenden Arme, genau dort, wo die Hände sind, befinden sich die Hosentaschen! Die Öffnungen der Tasche sind nur in der Silhouette des Gegenlichts zu sehen, aber jederzeit griffbereit, um blitzschnell in die Hosenöffnung zu fahren, aus der jederzeit das entscheidende Signal auftauchen kann: Früher die zuckende Hand lebensverteidigend sofort am Revolver. Heute das Klingelgeräusch des Handys sofort am Ohr des Geschäftsmannes und die Hand adlerartig reagierend sofort reaktionsbereit in der Hosentasche, um superschnell bewaffnet zurückzukehren, den Finger sofort Abzug, der heute WhatsApp heißt oder Spiegel-Online oder Google-App.

 

Während der Reagierende quasi sofort hinter den Apps seines Smartphones in Deckung geht und nach einer hilfreichen Sekunde, die der Finger für seine vorgefertigte Antwort braucht („Ich kann zur Zeit nicht antworten!“ oder „Kann ich später zurückrufen?“…), sucht er adlermäßig fixiert nach den neuesten einlaufenden News. In der entstehenden Beutehaltung  (Kopf nach unten, Rücken leicht gebeugt, mit den Augen die Fährte der Buchstaben des Gerätes in der Hand suchend) gibt er sich alle Mühe, den vor ihm wartenden  Gesprächspartnern noch lautlos einige Worte zuzurufen, die der Gegner an der anderen Seite der schnurlosen Leitung aber auf keinen Fall hören darf und gleichzeitig erbebend  über die Ungeheuerlichkeit dieses doppelten Call-Angriffs, der noch durch einen weiteren Call zu einem dreiseitigen Selbstbehauptungskampf eskaliert, gibt er sich gleichzeitig Mühe – redlich Mühe -, dem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung den Eindruck von Ruhe und Gelassenheit, äußerster Konzentration und völliger Zugewandtheit zu vermitteln….

 

Ist das nicht das übliche und wirkliche und relevante Multitasking des Alltags, das Vieles ermöglichen soll bei guter Qualität jeder Aktion zur gleichen Zeit?

Oder ist Multitasking nur das ordnungsgemäße Abarbeiten von zwei Aktionen gleichzeitig, z.B. mit der bebend-trotzigen Ehefrau zu telefonieren, während man gleichzeitig eine souverän erscheinende Unterschrift unter den Kaufvertrag eines Konkurrenz-Produktes oder unter die Entlassung eines Mitarbeiters glaubt setzen zu müssen? Oder ist nur das Multitasking, wenn der Vorgesetzte während einer Konferenz den Mitarbeitern vorgibt zuzuhören, während er nickend quasi nebenbei die Post bearbeitet?

Gerade intelligente, schnell-denkende und leistungsstimulierte Unternehmensberater, erfolgreiche Unternehmensführer, darstellende Schauspieler oder überforderte Mütter scheinen prädestiniert für den Mythos des Westens: Mehreres gleichzeitig erledigen zu können – ohne jeden Qualitätsverlust…!

 

Geht das überhaupt? Kann das jeder, wie jene Varieté- und Zirkuskünstler – oder wenigstens wie die Besten der Guten –, wie manche Vergleiche und Behauptungen nahzulegen scheinen?

Anders gefragt: Was ist eigentlich Multitasking? Gibt es das überhaupt? Und wenn ja: Kann man es lernen? Und wenn, dann wie?

 

Was ich als Psychologe dazu sagen kann:

Die beiden Amerikaner Adam Gazzaley und Larry D. Rosen (2018: Das überforderte Gehirn) haben sich mit diesem Thema umfangreich befasst: Der erste ist Professor für Neurologie, Physiologie und Psychiatrie, der zweite ein emeritierter Professor für Psychologie. Beide in Kalifornien. (Sie sehen, die Sonne Kaliforniens kann etwas Gutes hervorbringen…).

 

Sie beginnen auf der obersten Ebene ihrer Verständnis-Hierarchie mit der Ziel-Interferenz, die mit der Entscheidung beginnt, ein beliebig konkretes Ziel zu verfolgen: z.B. in einen Laden zu gehen, um etwas einzukaufen oder im Kühlschrank nach einem Bier zu suchen oder eine aktuelle Zeitung zu lesen (… oder auch bei größeren Themen…) und irgendetwas kommt dazwischen und lenkt Sie ab…

Auf der zweiten Ebene unterteilen sich diese Ziel-Interferenzen in internale und externale Interferenzen. Beide Varianten wiederum können jeweils zwei verschiedene Formen (oder Ursachen) haben: Ablenkungen und Unterbrechungen.

D. h. also: Ablenkungen sind Informationen, die nicht zielrelevant sind, die entweder im eigenen Bewusstsein entstehen oder aus der Umgebung heraus auftauchen. Die internalen Ablenkungen werden auch „Mind-Wandering“ genannt.

„Unterbrechungen“ aber werden jene Störungen genannt, die auftreten, wenn man zwei Aufgaben oder gar mehr „gleichzeitig“ zu lösen versucht, also zwischen ihnen hin- und her- springt.

 

Umgangssprachlich werden diese Varianten vereinfacht als „Multitasking“ bezeichnet. Gazzaley und Rosen stellen aber klärend bei dem Begriff “Multitasking“ auf solche Unterbrechungen ab, bei denen man versucht, gleichzeitig zwei oder mehr Aufgaben mit je eigenen Zielen zu bewältigen – was im Deutschen als „Mehrfachaufgabenperformanz“ bezeichnet wird.

(Diesen Satz sollten Sie unbedingt mehrfach lesen, weil Sie mit der so schönen Wortbildung “Mehrfachaufgabenperformanz“ ein einfach zu pflegendes, aber jederzeit mehrfach anwendbares Wortungeheuer zu Ihrer Verfügung haben, mit dem Sie andere stark beeindrucken können!) 

 

Und um die Komplexität dieses scheinbar einfachen Sachverhaltes zu erhöhen, sind Ablenkungen insofern von Unterbrechungen zu unterscheiden, als beiden Prozessen unterschiedliche Gehirnabläufe zugrunde liegen!

Von Autos, Laptops, Robotern, Flugzeugen und Raketenabwehrsystemen wissen wir, wie anfällig selbst ein kleines Handy für Interferenzen sein und uns ratlos machen kann. Microsoft oder alte Juliettas von Alfa Romeo können davon nicht nur Lieder, sondern ganze Opern singen. Und wer das partout nicht glauben will oder kann, der sollte sich einfach das Beispiel der Deutschen Bahn vornehmen. Er wird unmittelbar mit vielen Beispielen fündig werden und einsehen, dass sich bei einem Organ wie dem menschlichen Gehirn mit einer Anzahl von ungefähr 80 -100 Milliarden vernetzter Nervenzellen, ebenso leicht (oder noch leichter) einige Interferenzen ergeben können,  weil hier die Nervenverbindungen noch näher beieinander liegen, als die Schienen der Bahn.

 

Gazzaley und Rosen werden nicht müde herauszustellen, dass der Mensch nach Evolutionsmaßstäben über ein „archaisch“ funktionierendes Organ/Instrument verfügt, das ihm erlaubt oder ihm verschließt, sich in der heutigen wie zukünftigen High-Tech-Welt erfolgreich zu bewegen…

Eine zentrale These ihres Buches „Das überforderte Gehirn“ besteht darin, dass die Überforderung unseres Gehirns im Wesentlichen durch internale Einschränkungen unserer kognitiven Steuerung auf die Störung übergeordneter Ziele (z. B. unsere Wahrnehmung, unser Gedächtnis oder unsere Vorsätze) zurückzuführen sind!

Die klare Aussage lautet: „Unser Gehirn verfügt nicht über unendliche Ressourcen zur Parallelverarbeitung, die nötig wären, um gleichzeitig sämtliche Informationen zu empfangen und zu interpretieren, denen wir ständig ausgesetzt sind!“ Dabei dürften wir die externalen Bedingungen allerdings nicht einfach vergessen!

 

Angesichts der Tatsache, dass als Folge einer Jahrmillionen dauernden Evolution in unserem Gehirn Strukturen vorhanden sind, die primär nur auf die neuesten bzw. die aktuell auffallendsten externen Reize (Ereignisse oder Objekte) reagieren, deren Vorteile dem Überleben und der Fortpflanzung dienen, die die Basis der Bottom-up-Sensibilität und die daraus folgenden Einflüsse darstellen, ergibt sich ein nicht sofort bemerkter, z.T. unbewusster, aber konsequenter und stark beeinflussender Effekt auf unsere scheinbar objektiv eindeutigen Wahrnehmungen und vor allem auf die Umsetzung von Handlungen!

Dies lässt sich ganz einfach beobachten, wenn zwei Männer in einem Café sitzen und plaudern, während ganz in der Nähe eine attraktive Frau vorbeigeht… Zumindest die Blicke, vielleicht auch kleine Kommentare lassen in der Regel erkennen…

(Ob dies bei Frauen in unserem emanzipierten Zeitalter auch der Fall ist, soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden…)

 

Oder die Besprechung über die Karrierechancen eines Mitarbeiters/einer Mitarbeiterin klappt bei einem der beiden Vorgesetzten nicht, weil dieser noch von einem vorausgegangenen Streitgespräch mit einem Kollegen beeinträchtigt ist…

Dieses evolutionsbedingte Fortbestehen der archaischen Sensibilität für Bottom-up-Einflüsse stellt aber nicht nur eine konsequente Störungsquelle für unsere Wahrnehmungen dar, sondern auch für die konsequente Umsetzung unserer Ziele in Handlungen!

Sie brauchen dabei nicht nur an die vergeblichen Silvester-Vorsätze zu denken, sondern daran, dass Sie zum Kühlschrank gehen, um etwas Leckeres zum Essen oder Trinken herauszuholen – und plötzlich haben Sie vergessen, was Sie eigentlich holen wollten, weil Ihnen eine Szene aus dem gestrigen Abendgespräch mit Ihrer Frau eingefallen ist, die sich in den Vordergrund „dachte“…

 

Offenbar hat das Gehirn große Schwierigkeiten, unwesentliche Informationen zu ignorieren, die im Augenblick internal oder external für Unterbrechungen sorgen, wenn individuell relevante Gesichter, Farben, Gerüche, Töne oder Bewegungen und Berührungen auftauchen!

Deswegen können Bottom-up-Signale sowohl die Wahrnehmung, das Verstehen, das Einprägen von Gedächtnisinhalten und das Umsetzen von Handlungsimpulsen beeinträchtigen oder unterbrechen: Einfach, weil sie die vom Cortex bzw. vom Frontalhirn ausgehenden Top-down-Impulse beeinträchtigen oder ganz blockieren können!

 

MultiTasking

Es kommt im Arbeitsleben wie im Leben überhaupt vor, dass wir aufgrund von Wichtigkeit oder Dringlichkeit nicht nur eine Sache in aller Ruhe, sondern unter Umständen zwei oder gar drei Dinge gleichzeitig erledigen wollen. Von nicht wenigen Leuten wird das sogar zum Stilmittel einer besonderen Effizient erhoben. (Irgendetwas braucht man ja zur Selbsterhöhung, notfalls helfen da vielleicht auch Selbsttäuschungen…!)

 

Man kann einen Vortrag vorbereiten oder ein Referat schreiben und gleichzeitig ein Telefon-Gespräch mit einem Kunden führen wollen… Oder während man einen Text liest, gleichzeitig einem anwesenden Gesprächspartner zuhören. Unabhängig davon, dass es unhöflich ist, beides gleichzeitig durchzuziehen, klappen solche Duplizierungen gleichzeitiger Aufmerksamkeit für verschiedene Tätigkeiten weit weniger, als es die Vollzieher solcher Praktiken gerne wahrhaben wollen.

Nun kann man den Vorsatz dennoch umsetzen wollen, möglichst viel gleichzeitig bearbeiten zu wollen – auch wenn das ohne teilweise oder vollständige Leistungseinschränkungen nicht geht (von ganz wenigen Ausnahmen z.B. Napoleon oder Schach-Weltmeistern einmal abgesehen…):

Zwei unterschiedliche Aufgaben verursachen dabei noch größere Kosten als das parallele Bearbeiten von zwei ähnlichen Aufgaben, wobei in jedem Falle Kosten „anfallen“: Entweder wird die Aufmerksamkeit gestört oder die Gedächtnisleistung beeinträchtigt. Außerdem ist die Zeit, die nach einem Aufgabenwechsel gebraucht wird größer, um die bei verschiedenen Aufgaben beanspruchten unterschiedlichen Netzwerke im präfrontalen Cortex wieder zu aktivieren, wenn man zur ersten Aufgabe wieder zurückkehrt!

Das gilt sowohl für praktische Arbeiten wie für geistige bzw. mentale. Wer kennt es nicht, nach einer unerwarteten Unterbrechung beim Schreiben eines Textes, dann wieder suchen zu müssen, wo man eigentlich war? Oft hilft dann nur, den Text ein längeres Stück zurückzugehen, um wieder in die Gedankenspur zu kommen, so dass man am Abbruchpunkt wieder passend fortfahren kann?

Das kann man sich ganz ähnlich vorzustellen, wie die Umrüstkosten in Zeit und Geld, die üblicherweise an einem Produktionsband entstehen, wenn fortwährend die produzierten Modelle gewechselt werden… Fragen Sie bei Produktionsunternehmen einfach mal nach!

 

Soweit die Wirklichkeit – und nun zur Einbildung:

Mit Hilfe eines Computer-Spiels untersuchten Mitarbeiter von A. Gazzaley die MultiTasking -Fähigkeiten von 20-Jährigen (Nature, 501, Nr. 7465; 2013). Die Aufgabe bestand darin, auf schnell und genau auf bestimmte Symbole zu reagieren und andere aktiv zu ignorieren. Parallel dazu sollten Sie ein virtuelles Fahrzeug auf der Straße in einer 3-D-Umgebung richtig steuern: Einerseits war festzustellen, dass sich die Zwanzigjährigen in ihrer MultiTasking-Fähigkeiten zwar sehr hoch einschätzen, andererseits dabei aber auch hohe Verluste einfuhren (ca.27 %!).

Anders ausgedrückt: Wenn die Umsetzung von Zielen kognitive Steuerung beansprucht, kann das sowohl die Aufmerksamkeit als auch das Gedächtnis beeinträchtigen. Dieser Fakt stellt sich nicht nur bei der Parallel-Bearbeitung von Aufgaben ein, sondern auch bei einem einfachen Aufgabenwechsel!

 

So, wenn Sie jetzt selbst einen Heimtest machen wollen, dann schreiben Sie mir einfach. Ich kann Ihnen gerne eine Aufgabe zuschicken, die Sie zu Hause mit Ihrer Familie oder mit Mitarbeitern oder mit bereitwilligen Studierenden durchführen können. Als Hilfsmittel brauchen Sie keinen Computer, sondern nur die Aufgabe, einen Stift, ein Blatt Papier oder ein iPad und eine Stoppuhr – also die Standardausrüstung eines erfolgversprechenden Nerds. Ich freue mich drauf …

 

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

Uwe Böning