Seien wir ehrlich: Überall? Seien wir ehrlich ein zweites Mal: In unseren Privatbeziehungen? Schaffen wir es ein drittes Mal ehrlich zu sein: in der Politik?

Kindheit und Familie

Fangen wir am Anfang unseres Lebens an, in der Kindheit und in der Familie: Geht da etwas ohne Vertrauen?

Wie können Kinder sich entwickeln, wenn sie kein Vertrauen in Mutter und Vater (oder ähnlich vertraute und stabile Personen) haben oder langsam aufbauen? Wie sollen sie reifen, sich verlassen, Vorschuss geben auf den andern, wenn sie nicht die Verlässlichkeit ihrer ersten Bezugspersonen erfahren? Wenn sie sich nicht auf die Konstanz ihrer Anwesenheit verlassen können? Wenn Sie nicht das Überleben lernen durch deren tägliche Fürsorge, durch das Sorgen und Besorgen all dessen, was für jeden zum Existieren nötig ist?

Wird man beim Älterwerden enttäuscht von Freuden oder Freundinnen, mit denen man das Glück des unbeschwerten Spiels, des Versunkenseins in das unmittelbare Tun und Spüren des eigenen Körpers, des sanktionsfreien Ausprobierens von Risiken erleben kann? Ermöglicht das nicht erst das angstfreie Erleben der Welt und die Befriedigung durch spätere soziale Beziehungen, die man braucht, um sein zu können, wer man ist? Und das ausprobieren zu können, wonach man sich sehnt?

Gibt es ein gesundes Selbstvertrauen ohne die Erfahrung des Zutrauens und des Vertrauens in der wichtigsten Prägephase des Lebens, die man Kindheit nennt? Gibt es ein „Ich“ ohne dass immer wieder bestätigte Vertrauen in das verlässliche Dasein eines „Du“, das sich kümmert und mich auf das Leben vorbereiten? Konnten die Kriegskinder des 2. Weltkrieges damals und können die Kriegskinder der Israelis und Palästinenser von heute den Krieg unbeschadet an Seele oder Körper überleben, wenn sie in der sensibelsten und abhängigsten Phase des Lebens den Schmerz, die Pein und den Verlust der Nächsten ertragen müssen? Wenn sie auf der Flucht über das Meer oder über die Grenze die übermächtige Angst vor dem Tod erleben? Geht es den Kindern in Trumps Haftanstalten in der Nähe der mexikanischen Grenze anders, wo sie getrennt von den Eltern auf eine ungewisse Zukunft warten, die Ihnen niemand beruhigend erklären kann, auch wenn sie zu essen haben und schlafen und ausruhen könnten. Tun sie das aber?

Was erwarten Kinder, wenn sie älter werden und sich nach einem Partner sehnen? Gelingt denn immer die erste Liebe oder müssen nicht auch Fehlversuche und Enttäuschungen verarbeitet werden? Wer lernt sich jemals richtig kennen, ohne sich auch einmal verschätzt zu haben? Und wer kennt sich schon? Kennt und erkennt man sich als Person nicht zu einem erheblichen Teil erst durch die Erfahrung mit anderen, die uns vertrauen, ohne dass diese uns völlig kennen?

Ist es nicht erhebend, von jemandem umworben, geschätzt, anerkannt und geliebt zu werden, der alles erdenklich Mögliche in einem sieht, für das es keine unmittelbare Begründung oder Rechtfertigung, aber dafür umso mehr Hoffnung und eine große Sehnsucht gibt? Was ist denn Liebe ohne den Anteil des Vertrauens in einen anderen und dessen eigene Entwicklungsmöglichkeiten? Verarbeitet man es schnell und bleibt man wirklich zuversichtlich, wenn die oder der Geliebte verloren geht durch Trennung, einen Unfall oder eine Krankheit, der das Ende eines vielversprechenden Lebens am Anfang markiert? Wie lebt man weiter als Opfer eines Verbrechens ohne Zutrauen und Vertrauen von wichtigen Anderen?

Wie kann man Selbstvertrauen aufbauen, an sich selbst glauben, zuversichtlich sein und anderen vertrauen ohne das erfahrene Vertrauen durch andere?  Ist alles berechenbar, eindeutig, verlässlich und sicher im Leben oder muss man erst lernen, auch verzichten und sich selbst Schwächen eingestehen zu können? Schafft man es leicht, über einen schmerzhaften Verlust hinwegzukommen, ohne den echten Trost von anderen? Kann man die Enttäuschungen durch andere oder über sich selbst nicht am besten verarbeiten, wenn man neue positive Erfahrungen mit anderen macht – vielleicht unerwartet?

Wie gelingt das Vertrauen in eine neue Beziehung, wenn man bisher nur zerbrechende kennengelernt hat? Wie soll man verstehen, wenn einen der Partner nach 20 oder vierzig Jahren ohne Erklärung verlässt – vielleicht, weil eine andere Liebe angefangen hat? Oder auch wenn kein anderer wartet oder nur deswegen, weil man genug hat vom anderen?

Gibt es in der Schule oder im Berufsleben nicht oft ein Mehr an unerfüllten Hoffnungen als positive Erfahrungen? Muss man sich nicht manchmal fragen: „Habe ich vielleicht zu hohe Erwartungen oder eher realistische, die die Enttäuschung abmildern und überlebbar machen? Wird im Job heute meistens Vertrauen durch Zutrauen ersetzt, weil unsere Lebensbedingungen immer mehr funktionalisiert und ver-ökonomisiert werden? Ist Zutrauen genug – oder nur ein Teil des Vertrauens?

Wer schenkt in der Wirtschaft noch Vertrauen – oder geht es in Wirklichkeit überhaupt nicht ohne? Braucht man es etwa gar nicht mehr in den Zeiten der Digitalisierung, in der mechanisierte Abläufe, gesteuert durch raffinierte Algorithmen einen beziehungsorientierten Kommunikationsstil immer mehr in den Hintergrund drängen?

Was sagt die Börse dazu? Nimmt „der Markt“ nicht immer schon gewisse Entwicklungen voraus und spekuliert er nicht im Wesentlichen auf die Wiederholung altbekannter Abläufe? Geht es im Leben überhaupt ohne die Erwartung an berechenbare Zukünfte?

Ist vielleicht die wissenschaftliche Durchdringung erwartbarer Zukünfte nicht schon viel weiter als der „normale“ Alltag, wenn man an die Entwicklung des psycho-wirtschaftlichen Faches namens „Verhaltensökonomie“ denkt? Wird hier nicht schon immer berechenbarer, wie das Verhalten von andern in der Zukunft ausfallen wird, wenn man z.B. an Entscheidungen, das Risikoverhalten und die Kooperationsbereitschaft von Menschen denkt?

Ist Vertrauen heute vielleicht nur eine hochspekulativ-diffuse Währung im zwischenmenschlichen Umgang und zukünftig ersetzbar durch die Kenntnis von typischen Algorithmen-Mustern von anderen, die man heute bei Geheimdiensten und morgen in der Cloud abrufen kann? Ist Vertrauen möglicherweise nur eine heute noch gebrauchte Währung, z.B. im Investment-Banking oder bei Krediten und Darlehen?

Wie weit gilt in geschäftlichen Dingen noch der Jahrtausende alte Brauch des Handschlags? Nur noch bei Eingeborenen im Urwald oder Nomadenvölkern in asiatischen Hochebenen? Gilt in der zivilisierten Welt in der Zwischenzeit doch vielmehr nur noch die Unterschrift unter einen juristisch abgesicherten Vertrag? Denn was zählt schließlich im Zweifelsfall noch vor Gericht?

Hat ein Versprechen heute noch Bedeutung?

Sind Vertrauen und Zutrauen vielleicht nur noch kurzlebige subjektive Zuschreibungen eines fantasiebegabten lebenden Organismus, die vielleicht irgendwann ablösbar werden durch hyperintelligente Algorithmen  die aus unzähligen Daten ein voraussehbares Konsumverhalten genauso herausdestillieren können wie die Vertrauensquote von Personen in unterschiedlichen Beziehungen und Situationen von Individuen oder ganzen Gruppen?

Zählen Zutrauen und Vertrauen heute gerade noch zu jenen zwischenmenschlichen Konstanten, die nur noch existieren in vorinstitutionellen Begegnungsräumen zwischenmenschlicher Erfahrungen, in denen das körperliche Spüren und die Unmittelbarkeit des gefühlsmäßigen Erlebens im Vordergrund stehen oder gar das Wesentliche der Begegnung ausmachen?

Verlieren Zutrauen und Vertrauen in einer Zeit der Technisierung und Digitalisierung möglicherweise allmählich ihre Bedeutung für die Beziehungen zwischen Menschen, da sie auf dem Wege sind, durch Maschinen und Mischwesen ersetzt zu werden (Roboter, Cyborgs, Androide, Humanoide, Gynoide…)?

Oder sind auf absehbare Zukunft Vertrauen und Zutrauen unverzichtbare und unersetzbare Konstanten des menschlichen (Zusammen-)Lebens, von denen unsere seelische und körperliche Gesundheit unwiderruflich abhängig sind?

Was kann ich als Psychologe zum Vertrauensaufbau sagen?

  1. Gerade in den Anfangsjahren des Lebens ist es wichtig, viel körperliche Nähe verlässlich zu erhalten und zu spüren. Hautkontakt, selbstverständliche Anwesenheit bei Schreien und Beschwerden, einfach Dasein, wenn das Kind etwas zeigen will, was seine Neugier befriedigt. Trösten bei Unfällen und Krankheiten.
  2. Die Konstanz des Daseins und des Kümmerns sind fundamentale Botschaften für das Kind. Kinder erleben in den ersten Lebensjahren vieles total: Dasein oder Wegsein werden nicht relativ und akzeptabel erlebt, sondern total: Entweder verlässlich oder bedrohlich. Eins oder Null. Erst im Laufe der Jahre und der vollständigen Gehirnentwicklung kann die Relativität des Lebens erfasst und durch viele Erfahrungen verarbeitet werden.
  3. Vorleistungen der Eltern (oder der sonstigen sozialen Umgebung) sind eine Grundbedingung für den Aufbau des Vertrauens. Dies gilt für das Kind wie für Jugendliche und Erwachsene. Wer Vertrauen haben will, der muss Vertrauen geben – auch auf die Gefahr hin, enttäuscht zu werden hin. Gerade für Liebende, die sich vom anderen enttäuscht fühlen, ist dies oft eine schwere Lehre und Aufgabe. Dies ist eine Lektion des Lebens, die immer wieder aktiv vollzogen werden muss, um nicht fundamental verunsichert oder aggressiv zu werden.
  4. Die je nach Lebensalter dosierte Ankündigung von überraschenden Ereignissen oder Belastungen bildet eine Basis für den späteren Vertrauensaufbau. Kinder wie Erwachsene prüfen sensibel und genau, ob sich Versprechen oder Warnungen exakt so einstellen wie von den Vertrauenspartnern angekündigt.
  5. Das eigene Vorbild gegenüber dem Vertrauenden prägt die Wahrnehmung und die Glaubwürdigkeit des Vertrauensgebers für den Vertrauenden.
  6. Die Autonomieentwicklung eines Kindes im Denken und Handeln gelingt nur bei einer Berechenbarkeit des Anderen und der Erfahrung von Zutrauen wie Vertrauen in die wechselseitige Beziehung.
  7. Vertrauen und Zutrauen sind Geschwister. Während das Vertrauen in oder zu jemanden dessen berechenbare Verlässlichkeit betont, fokussiert Zutrauen den Voraus-Glauben in die Kompetenz und Leistungsfähigkeit eines anderen. Tiefe Erwachsenen-Bindungen können nur auf der Basis dieser Erfahrungen entstehen.
  8. Jedes Kind und jeder Erwachsene lernt Vertrauen nur und behält es dann, wenn das eigene Vertrauen und Zutrauen – und das heißt die Erwartungen an den Andern – nicht zu häufig enttäuscht werden. Versprechen glaubt man nur, wenn die eigene „Enttäuschungskapazität“ nicht überreizt wird.
  9. Transparenz bei belastenden Erfahrungen und glaubwürdige Erklärungen bei „Vertrauensunfällen“ sind Möglichkeiten der Wiederherstellung des Vertrauens. Deren Wirkung hängt aber von den Vorauserfahrungen des Enttäuschten ab, die das einzelne Ereignis bewusst oder unbewusst umgeben. Zu viel kann schnell zu viel werden!
  10. Ehrlichkeit zählt. Der Schmerz bestimmt das Ertragen der Zumutung. Aber das Verzeihen bietet die Chance zur Versöhnung.

Zusatzinfos:

Im Säuglings- und frühen Kindesalter – also in den ersten 3 – 4 Lebensjahren – werden die Grundlagen der persönlichen Vertrauenshaltung gelegt. Hier findet über das unmittelbare körperliche und emotionale Erleben und die wiederholte Erfahrung mit den nächsten Verantwortlichen – meist den Eltern – der Aufbau jener Erwartungen statt, die wir seit der  tiefenpsychologischen Perspektive gerne mit den Namen Freud, Jung und Adler verbinden und Urvertrauen oder Grundvertrauen nennen.

Die Bindungstheorie von John Bowlby und die Bindungsmodelle von Mary Ainsworth geben als Klassiker über die Bindungsstrukturen und ihre Bedeutung für das Entstehen zwischenmenschlicher Beziehungen tiefe Auskünfte. Die aktuelleren Untersuchungen von Nelson et al. über alleingelassene rumänische Kinder (2014) geben dramatische Erkenntnisse darüber wieder, welche Schäden der körperlichen, emotionalen und geistigen Verfassung durch Vernachlässigung entstehen, die bis ins Jugend- und Erwachsenenalter fortdauern können.