Dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei, ist eine Lieblingsvorstellung der Menschen, zumindest in den letzten Jahrhunderten im Westen. Es ist ja eine schöne Vorstellung, die aufbaut und schmeichelt. Und dass der Verstand das höchste Werkzeug der Evolution sei, ist eine wunderbare philosophische Idee, die immer wieder zitiert wird.

Gerade von Unternehmensberatern, die die eigene Intelligenz hochschätzen, worüber sie angeblich mehr verfügen als Ihre Kunden. Vielleicht soll das Ihre Honorare rechtfertigen. Aber dass das Gehirn überfordert sei, ist keine Lieblingsvorstellung jener, die die heutigen Lebensverhältnisse begrüßen, feiern und qua Technik gestalten.

Kritische Gedanken kommen offenbar eher von Sozio-Logen oder Psycho-Logen oder von irgendwelchen andern „Bindestrich-Logen“, wie z.B. Adam Gazzaley und Larry Rosen (2018), die vom „überforderten Gehirn“ sprechen, das sie mit der Assoziation eines Steinwerkzeuges in Verbindung bringen. Oder von einer „überforderten Gesellschaft“, von der Wolfgang Schmidbauer berichtet. Nicht zu vergessen Alain Ehrenberg (2008), der sich mit dem „erschöpften Selbst“ in der Gesellschaft der Gegenwart auseinandersetzt. Also: Alarm ist angesagt – eine These, die in unserer Zeit mit Sicherheit auch Gegenpositionen findet, wie man z.B. an dem leidenschaftlichen Plädoyer von Steven Pinker („Aufklärung jetzt“, 2018) ablesen kann.

Das ist ohne Zweifel der Rahmen, in dem sich manchmal eine Forschung bewegt, die die Fragen gleich so groß macht, mit denen sie sich beschäftigt, aber dafür interessante bis rasante Ergebnisse bringt, die nicht nur für Wissenschaftler vertiefend sind, sondern auch für den „normalen Alltagsmenschen“.

Nehmen wir das durchaus beliebte und besprochene, aber nicht immer so genau bekannte Thema der kognitiven Steuerung durch das Gehirn. Ein zentrales Thema, wie wir gleich sehen werden. Heutzutage besonders, weil es für eine Generation Smartphone von Bedeutung ist. Weil es für eine technikgetriebene Wirtschaft von Bedeutung ist. Und weil es aus einer permanenten Hochleistung fordernde Gesellschaft nicht wegzudenken ist. Und weil es für Menschen eine ganzheitliche Dauer-Herausforderung darstellt, von der sich Viele zunehmend zurückziehen oder sich wenigstens zeitweise davonstehlen, um in einer „Work-Life-Balance“ ihre erforderliche Ruhe finden, weil sie sonst überstresst bleiben.

Beschäftigen wir uns hier also einmal mit dem Phänomen der „kognitiven Steuerung“, die für das Alltagsleben und für das Meistern von Herausforderungen eine besondere Bedeutung hat und im Wesentlichen drei zentrale Bestandteile aufweist:

  1. Die Aufmerksamkeit
  2. Das Arbeitsgedächtnis und
  3. Das Zielmanagement

Zur Aufmerksamkeit

ist zu sagen, dass sie im Alltag für das Gelingen der meisten Tätigkeiten eine entscheidende Voraussetzung darstellt und für das Bewältigen von echten Herausforderungen als Erfolgsbedingung nicht wegzudenken ist. Kennzeichnend für die Aufmerksamkeit ist allerdings das Grundmerkmal ihrer Selektivität. D.h., dass dieser evolutionsbedingte Reaktionsmechanismus mit einer Konsequenz einhergeht, der vielen Menschen durch die automatische, z.T. auch unbewusste Anwendung nicht immer klar ist:

Aufmerksamkeit, hier speziell die Selektivität, ist ein „Präzisionsantrieb“, ein Scheinwerfer, der auf der einen Seite eine genauere Wahrnehmung (und z.T. auch Handlung) möglich macht, auf der anderen Seite aber unmittelbar und unvermeidbar zu einem Verwischen oder Ausblenden jener Wirklichkeitsanteile führt, die außerhalb des Scheinwerfers liegen. Beides zur gleichen Zeit gut auszuführen, geht evolutionsbedingt nicht.

Diese Selektivität ihrerseits ist durch die drei Merkmale der Erwartung, der Direktionalität und der Nachhaltigkeit gekennzeichnet. Durch diese Erwartung stellt sich automatisch eine antizipative Einstellung auf interne und (besonders) auf externe Reize und Ereignisse ein, die antizipativ „wahr-“genommen werden, noch bevor sie tatsächlich da sind. Anders gesagt: Durch die Voreinstellung (Erwartung) werden im Wahrnehmungstrichter (dem Filter) bevorzugt die Dinge eingesammelt, die dort auftauchen, wo man den Trichter hinhält.

Dies führte u.a. zu den fast unglaublichen Ergebnissen der Experimente zum „unsichtbaren Gorilla“ von Chabris und Simons (2011), die zeigen, wie selektiv die Wahrnehmung von Menschen bei Unfällen, bei Zeugenaussagen und ganz allgemein im Alltag sind – obgleich die Beteiligten subjektiv glauben, dass sie „alles“ und „richtig“ wahrgenommen haben! Bei allen weltweiten Nachuntersuchungen kamen dabei die gleichen Ergebnisse zustande.

Diese Ergebnisse lassen sich nicht nur auf die Wahrnehmung externer Ereignisse beziehen, sondern auch auf alle internen Reize – und letztlich z.B. auch auf das Entstehen und die Aufrechterhaltung von Vorurteilen.

Das Arbeitsgedächtnis

auch bekanntermaßen Kurzzeitgedächtnis genannt, stellt die Brücke dar zwischen der Wahrnehmung von Reizen, Ereignissen und Prozessen einerseits und den handlungsorientierten Umsetzungen von Zielen andererseits. Das ebenfalls bekannte Langzeitgedächtnis, das durch eine andere aktivierte Netzwerkstruktur im Gehirn einen anderen Speicher zur Verfügung stellt, dient eher der Konsolidierung von Erinnerungen. Diese allerdings werden ebenfalls nicht einfach „objektiv“ gespeichert, sondern unterliegen im Laufe der Zeit oft vielerlei Anpassungen, Veränderungen und Interpretationen, die mit eigenen Gefühlen, anderen Informationen und der Neigung zusammenhängen. Die Erzählungen erlebter Ereignisse (Geschichten) werden vom Gehirn in eine stringente Konsistenz gebracht, die dem Betroffenen völlig unbewusst ist – wie alltägliche Erfahrungen zeigen, die allerdings in der Zwischenzeit in vielen Experimenten unzweideutig nachgewiesen wurden.  Das allerdings glauben viele Menschen trotz der erwiesenen Tatsachen dennoch nicht: Sie glauben lieber und eher das, was sie gesehen und erlebt haben. Hier siegt die Erhabenheit der eigenen Einbildung vor den sogenannten Tatsachen…

(Der amerikanische Präsident Trump z.B. hat ja seit einiger Zeit den zweifelhaften Erfolg, „Fake News“ zum Bestand des öffentlichen Lebens gemacht zu haben.)

Das Zielmanagement

ist ein anderer Teil der Funktion des Gedächtnisses, der weniger für die Krone der Schöpfung als eher für die Unzulänglichkeit des Menschen spricht. Eine Tatsache, die allerdings die meisten Menschen nicht als Wirklichkeit anerkennen wollen…

Nach Gazzaley und Rosen hat das Zielmanagement sozusagen die Funktion eines Verkehrslotsen“. Wir werden sehen, ob der Lotse eine gute Ausbildung hat oder als „Schülerlotse“ von allen möglichen Lümmeln im Alltag ausgetrickst wird: Kennen wir nicht bis zum Überdruss die jährlichen Silvester-Rituale? Vornahmen über Vornahmen beim Sekt, beim Feuerwerk und beim liebevollen Küssen der vernachlässigten Freundin, Geliebten oder Ehefrau, was sich im kommenden Jahr alles bessern soll? Hat bisher noch kein Nachbar in Ihrer Gegenwart nicht nur die ewige Treue geschworen oder laut seine Vorsätze zum Abnehmen verkündet? Kennen Sie keinen Lehrer, der verzweifelt auf seine Schüler einredet, damit sie das befolgen, was er ihnen schon unendlich oft gesagt hat? Oder diese nur noch anstarrt, weil ihm im Lauf der Jahre schon klargeworden ist, dass man diesen „Typen heute“ alles zehnmal sagen muss, bevor sie es umsetzen. Oder ist Ihnen kein Vorgesetzter in der Wirtschaft bekannt, der seinen Mitarbeitern (heute gendergemäß: Mitarbeitenden) zum unzähligsten Male zu erklären versucht, worauf sie sich in der VUCA-Welt einstellen müssen, um mit der Komplexität und der gestiegenen Schnelligkeit im Arbeitsleben und in den Kundenkontakten mithalten zu können? Im Zeitalter der Digitalisierung und des Smartphones kann man es in fast jeder Arbeitssitzung beobachten, wie die Hand eines Beteiligten mit der zielgerichteten Geschwindigkeit eines Revolverschützen in die linke Hosentasche fährt, um so schnell wie möglich an das Smartphone zu kommen, das klingelt? Zählen Sie noch die Häufigkeit, mit der mitten im Gespräch das Gegenüber seinen Satz unterbricht, um nach dem „Ping!“ zuerst ganz schnell die ankommende Nachricht zu lesen, bevor er das Smartphone mit Blick auf die Oberfläche offen auf den Tisch legt, bevor er sich endlich wieder Ihnen zuwendet? Am beliebtesten sind jene Zeitgenossen, die während einer Sitzung dauernd nach links unter den Tisch schielen und während des Vortrages eines anderen ihre E-Mails checken…

Würden Sie unter diesen Umständen gerne ein Liebesgeständnis hören…?

Fazit

des alles verstehenden Psychologen oder eines wissenden Neurophysiologen:

Unterbrechungen und Ablenkungen während der Arbeit oder anderen Beschäftigungen während des Tages gehören heute anerkanntermaßen nicht weniger zu stark stressenden Reizen wie außergewöhnliche Situationen, die die Aufmerksamkeit wie selbstverständlich und akzeptiert auf sich ziehen und zur Unterbrechung der begonnen Umsetzung einer wichtigen Absicht führen.

Wird fehlende Umsetzungskonsequenz nicht häufig einfach auf eine Persönlichkeitsschwäche zurückgeführt und nicht auf die Interferenz von anderen, neuen, schnell wechselnden und vielen kleinen anderen Zielen und Reizen, die eigentlich ignoriert werden müssten, um zielkonsistent an eine verabredete Umsetzung zu gehen?

Das Gehirn besteht ja aus einer Unzahl von Vernetzungen, die sich z.T. auch gegenseitig beeinflussen. Das Gehirn – als unsere Schalt- und Steuerungszentrale – besteht aus mehreren Gehirnteilen, die in Ihrer Komplexität die in vielen Evolutionsstufen entstandenen Regelungsvorgänge steuern. Bewusst und unbewusst, automatisch oder von Absicht getragen, werden die inneren Körpervorgänge gesteuert. Gleichzeitig werden Gefühle und Emotionen produziert, während der Geist im Cortex sich auch noch einschaltet und komplexe wie komplizierte Gedankengänge hervorruft, die mit den aus dem limbischen System weiter unten kommenden Impulsen um die Herrschaft ringen. Dieser hochkomplexe Abstimmungsprozess entscheidet – nicht immer absehbar –, ob eher die verstandes- und vernunftmäßigen Top-down-Impulse durchkommen oder die gefühlsmäßigen, bedürfnisgesteuerten Bottom-up-Einflüsse. Diese traten – wie Gerhard Roth, der bekannte emeritierte Bremer Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie  kürzlich in Kassel wieder einmal unterstrich, – in der Evolution viel früher auf und wirken heute immer noch dominanter ein als die späteren Entwicklungsprodukte der Evolution, die man begeistert Bewusstsein, Gedanken, Absichten usw. nennt und denen man vordergründig fast alles (Bessere) zutraut. Die nach Zahl und Stärke weit einflussstärkeren Nervenverbindungen aus dem limbischen System als die von oben kommenden und in der Zahl unterlegenen Top-down-Einflüsse können mit Einsicht fördernden Argumentationen, zielbezogenen Notwendigkeiten, Wünschen und Drohungen den „modulierten Wettbewerb“ nur schwer gewinnen. Das weiß fast jeder, der abnehmen will!

Um es genauer zu sagen: Die Fehler beginnen schon bei der Wahrnehmung. Bei den Ablenkungen oder Unterbrechungen beim Einprägen in das Gedächtnis setzen sie sich fort. Und bei der Umsetzung in Handlungen liegen vor dem Erreichen des Zieles viele Steine im Weg. Und es gibt viele Abzweigungen in andere Richtungen, die mit bewussten wie unbewussten Motivations-Einflüsterungen oder den äußerlich aufhaltenden Vordergründigkeiten locken: Ein wichtiger Gesprächspartner, die Langeweile, eine schöne Frau oder ein mächtiger Mann, ein interessantes Buch oder ein anderes Motiv. Wir kennen das doch: Unmittelbarkeit einer Belohnung siegt vor einem langfristig wichtigen Ziel!

Ob Eltern, Lehrer, Vorgesetzte, Kollegen, Kunden oder Geliebte es wünschen, wollen oder nicht: Erklärte Absicht bedeutet nicht konsequente Umsetzung! Der eigene Vorsatz und die nach langen Gesprächen erreichte Einsicht garantieren keine konsequente Umsetzung.

Das wissen Eltern, Kindergärtnerinnen, Vorgesetzte, Trainer, Coaches und Manger von Prominenten – irgendwann selbst wohlwollende Weltverbesserer. Es helfen zum Leidwesen vieler Vorgesetzter nur zwei Dinge: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung! Und Üben, Üben, Üben!

Ob Führungskräfte sich von den Mitarbeitern etwas anderes wünschen oder umgekehrt!

Oder anders gesagt: Inkonsequenz ist das Normale!