Wenn alljährlich die Zeit der Frankfurter Buchmesse kommt, denke ich häufig an zwei verschiedene Dinge: [...]

Wenn alljährlich die Zeit der Frankfurter Buchmesse kommt, denke ich häufig an zwei verschiedene Dinge: Erstens an die Vielfalt, aber auch Unmenge veröffentlichter Literatur, die es überhaupt gibt. Und zweitens an „gute“ Literatur, die es ja auch gibt, auch wenn die Zahl der vergessenen Literaturnobelpreisträger als beachtlich genannt werden muss.

 

Worüber geschrieben wird, liegt an bestimmten Zeiterfahrungen, klar. An den Themen von Generationen und natürlich auch an den Lebenserfahrungen und Interessen der einzelnen Autoren. Wie auch immer: Es ist einfach schön, wirklich gute Literatur zu lesen. Natürlich kann man heftig darüber streiten, was denn diese sei oder sein müsste. Manchmal stimmen Kritiker oder Leserschaft sogar in ihrem Urteil überein. Auch schön.

 

Also sprechen wir im vorliegenden Fall von Hans Magnus Enzensberger und seinem Buch von 2018 „99 Überlebenskünstler – Vignetten aus dem 20. Jahrhundert“, Suhrkamp Verlag.

 

Ein bemerkenswertes und berührendes Buch:  99 Kurzbiografien könnte man sagen, aber das Wort „Vignetten“ trifft es besser. Es sind große Bögen über die literarische Landschaft des 20. Jahrhunderts und seine Autoren, zumindest die betrachteten, die es Enzensberger Wert waren oder die er persönlich kannte oder wenigstens getroffen hatte.

 

Enzensbergers Blick überspannt das ganze 20. Jahrhundert, mit wenigen Ausnahmen auch den Beginn des 21. Jahrhunderts. Eindrucksvolle Portraits jener Männer und Frauen, die dem 20. Jahrhundert ihre Stimmen gaben: Ein Symphonieorchester mit unterschiedlichen Instrumenten und Stimmen. Bei aller Verschiedenheit und Gegensätzlichkeit der Sichtweisen, Positionen, Lebensumstände und auch der Lebensverfassung. Jede der beschriebenen Persönlichkeiten hat Ihren eigenen Platz. Jeder erhält seine Würdigung, selten eine kritische Abwertung. Er schafft es in bemerkenswerter – nein, nicht Objektivität, – sondern Offenheit für die verschiedensten Wahrnehmungen, für die Stimmigkeiten, aber auch die Widersprüche und offenen Fragen seiner Protagonisten.

 

Sehr dicht, kann man sagen. Markant und reichhaltig sind seine Wahrnehmungen, kann man hinzufügen. Und drittens kann man ergänzen, dass er seine Vignetten mit der gebotenen Kürze skizziert, die spannender klingen als ein normales psychologisches Gutachten. Gleichwohl sind es Persönlichkeitsbilder, die an Differenziertheit und Unterschiedlichkeit wenig zu wünschen übriglassen, auch wenn Psychologen oder gerade Psychoanalytiker mit Sicherheit noch einiges dazu finden könnten. Aber würde dies auch so schön zu lesen sein, wie das vorliegende Buch? Zweifel sind erlaubt, denn Enzenzberger hat seinen bewährten Stil. Und er hat etwas zu sagen. Er stellt seine Protagonisten in markante Umfelder, die das Leben des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin hell beleuchten wie im Lazarett. Natürlich kennt er eine Menge an Veröffentlichungen der ehemals Großen, der Mitläufer und auch der literarischen Möchtegern-Napoleons, deren Scheitern er weder verschweigt noch ihren Erfolg illusionär überhöht. Er schreibt in kurzen Sätzen voller Eindrücke, Gedanken und Kommentare, braucht keine langen Umwege. Er sagt, was er weiß, meint, kennt oder kritisch sieht. Er malt Persönlichkeitsbilder voller Ausdruckskraft. Er skizziert die Lebensumstände, die Sehnsucht der Autoren nach Dialog und Wirkung, geht auf ihr manchmal leichtes, oft auch schweres Los in der Lotterie des Lebens ein. Enzensberger beschreibt eher das äußerlich Wahrnehmbare der Lebenserfahrungen als komplizierte tiefenpsychologische Exegesen. Er beschreibt Menschen, keine Sezier-Objekte.

 

Man kann sich fragen, was jemanden beschäftigt, sich mit so vielen schon Gestorbenen auseinanderzusetzen: 99! Mal anteilnehmend, manchmal verwundert, mal staunend, aber immer wieder reflektierend und die Glaubwürdigkeit der Betreffenden analysierend. Er spricht über ihre Standhaftigkeit angesichts wirtschaftlicher wie politischer Auseinandersetzungen und über die Überlebenstechniken der Einzelnen.

 

Er fragt einfach: In welcher Lage befand sich der jeweilige Autor. Also eine Frage, die sich auf den Autor des Buches selbst ebenfalls anwenden ließe, der einen solchen Blick über ein Jahrhundert schweifen lassen kann, der sich traut, ohne Schönfärberei die Leben anderer anzuschauen, die immer und immer wieder mit dem schon festgestellten Tod enden?

 

Kann das ein junger Mensch schreiben – oder nur einer, der sich mit seinem eigenen Tod auseinandersetzt? Der sich traut, das Leben anzuschauen mit all seinen Facetten  und Vergeblichkeiten, mit seinen stürmischen Erfolgen und den Zeiten der persönlichen Infragestellung, mit seinen Liebesillusionen wie seinen immer wieder aufstehenden emphatischen Hoffnungen, die das Schicksal nicht nur Einzelner, sondern der Menschheit als Ganzes bessern sollen?

 

Muss jemand nicht die Angst vor dem eigenen Tod verloren haben, angesichts all der Vergeblichkeit der menschlichen Anstrengungen, die hier bilanziert werden? Woher kommt die Kraft, in der hier wahrgenommenen Konsequenz 99 menschliche Schicksale zu betrachten, die alle eine alles übersteigende Leidenschaft eint: diejenige zur Literatur, zur Poesie, zur fragenden wie staunenden Anteilnahme an dem Schicksal der Welt, zur Verständigung mit anderen Menschen, zum Mitgefühl wie auch zum Mitleiden fähig – und miteinander verbunden im gleichen Schicksal, dem niemand entkommt?

 

Ist es notwendigerweise die eigene Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit, die den Blick so lenkt? Sind es nicht Vignetten voller Anteilnahme und auch der Ehrerbietung jenen gegenüber, die so sind, dass man sie achten, ja auch bewundern sollte, weil sie widerständig waren, selbst in bittersten Stunden vergeblicher Anstrengungen, der Demütigung, des Verlusts und auch der Trauer? Ist es nicht auch ein verstehendes Mitleiden mit jenen, denen man im Leben nicht mehr begegnen kann – außer in ihren hinterlassenen Werken? Ist es ein Gruß an jene, die schon vorausgegangen sind und die – über alle Schicksalsschläge hinweg – jene Leidenschaft verbindet, deren Feuer nicht ausgehen soll?

Schreibt man solche Literatur mit solcher Nähe zu Menschen nur noch – oder eben gerade jetzt – in Zeiten, bevor die Menschheit sich in rationale Computer und Roboter verwandelt und nur noch von Algorithmen interpretiert wird?

 

Hier werden keine überlebensgroßen Denkmäler gebaut. Im Gegenteil. Hier wird Anteil genommen an Menschen und der Menschheit in vielen Situationen ohne jene gestanzten und unbeweglichen Formeln, wie sie auf Grabsteinen stehen. In einer nüchternen, fast journalistischen Weise, aber mit dem Sprachgefühl und der Erkenntniskraft, wie sie gelegentlich Schriftstellern zu eigen ist, die man früher als Dichter bezeichnete. Hier wird Ehre eingelegt für die Hoffnungen auf eine menschliche Zukunft, die mit der Gegenwart nicht zu Ende ist und die mit der Erinnerung an die Gestrigen den Weg vielleicht leichter macht, der vor jedem liegt.

 

„Chapeau“! Herr Enzensberger!