21. Februar 2019. Es ist ein Donnerstag-Abend. Eigentlich kein schlechter Tag in der Woche. Ein Chat mit Kai Diekmann über das Silicon Valley und seine Folgen ist angesagt. Man kennt ihn ja: Diekmann, der langjährige „Bild“-Zeitungs-Chef. Etwa 170 Teilnehmer sind gekommen, etwa drei Viertel Männer, ein Viertel Frauen. Junge, Mittelalte und sehr Alte sitzen erwartungsvoll und neugierig im Raum an den Zehnertischen.

Diekmann wird von Thomas Kremer, dem Präsidenten des Wirtschaftsclubs Frankfurt begrüßt. Dress-Code: Casual. Der Begrüßende trägt Anzug und grüne Turnschuhe und selbstverständlich keine Krawatte. Diekmann mit Jeans und blauem Sakko, offenes helles Hemd. Jeans-Gelassenheit charakterisiert die Szene. Äußerlich wie anscheinend innerlich.

Kurze freundliche Begrüßung. Knappe Vorstellung und Würdigung einiger seiner Karriere-Orden: Chefredakteur, Herausgeber…  Heute auch für Uber tätig… Dann beginnt Diekmanns Mission. Er lehnt kaum noch an der Rückenlehne seines bequemen Sessels, sondern sitzt aufrecht, nahezu auf der Stuhlkante.

Das Feuer beginnt. Er: Ende 40? Faktisch: Jahrgang 1964. Verheiratet, vier Kinder. Viel unterwegs, weltweit. Viel in USA. Selbst mit ganzer Familie ein Jahr im Valley gelebt. Hautnah dran und drin. Mitten im Knotenpunkt der amerikanischen Digitalisierung. Er mitten im Netzwerk. Für Springer. Heute arbeitet er u.a. auch für Uber, das größte Taxi- und Transportunternehmen der Welt: Völlig ohne eigene Taxis!

 

Die erste Feuergarbe: Die fünf größten digitalen Plattformen weltweit kommen aus den USA und China. Im Vergleich dazu sind die Unternehmen und die Länder in Europa nur Habenichtse. Die DSGV (Datenschutz-Grundverordnung): Eine „Katastrophe“. Er spricht selbstverständlich nur die Abkürzung aus. Toll: Die totale Überwachung von Körperfunktionen, z.B. durch Apple-Watches (und andere Hersteller). Das hiermit durchführbare EKG: kann lebensrettend sein. Die Digitalisierung führt zur „Entmaterialisierung“. Das führte schon zum Ende der Musikbranche. Das wird zum Ende der Zeitungen führen. Nur eine Frage der Zeit. Der Rückgang der Auflagen aller Zeitungen führte schon zur drastischen Erlösminderung und zum heftigen Rückgang der Werbeeinnahmen.

In manchen Gegenden der USA gibt es schon keine Zeitungen mehr. Der Kampf heißt u.a.: „Digitale Werbung gegen/für analoge Wirkung“. Facebook, Apple, Microsoft, Amazon dominieren die Märkte (ähnlich wie früher die ersten Goldsucher und -finder, den Goldrausch um San Francisco). Mit Alibaba zusätzlich: Erschlagende und vermutlich nicht mehr einholbare Weltmächte!

Angesichts solcher Entwicklungen sei er mit drei Leuten für 1 Jahr ins Silicon Valley gezogen (Siehe auch das Buch von Christoph Keese (2016):“ Silicon Germany“), um vor Ort die Zukunft zu erleben und davon Ableitungen zu ziehen.

 

Seine Erfahrungen und Lehren aus diesem Jahr im Hauptwirbel der Digitalisierung:

  • Unmittelbar nach seinem Einzug in die neue Wohnung sei er zum Brunch eingeladen worden: Networking ist alles!
  • „Wir müssen uns verändern, sonst werden wir verändert!“
  • Unsere Bildung für unsere Kinder: Ist total veraltet. Muss neu gemacht werden.
  • In den USA war die Zahl der Verkehrstoten pro Jahr ziemlich hoch: Etwa 40.000! Durch die Digitalisierung fiel die Zahl der Opfer auf sage und schreibe 4.000/Jahr.
  • Uns in Deutschland fehlt das Wagniskapital. Von den Banken hierzulande weiß man, dass nur 8% der Bevölkerung am Kapitalmarkt tätig sind.
  • Unsere Autoindustrie: Früher das Symbol für Freiheit – hat heute schon große Herausforderungen (auch ohne Diesel), die aber morgen noch größer werden dürften. Und was passiert bei dem Herannahen an Kreuzungen und Ampeln? Wer regelt wie die Vorfahrt? Antwort: Vielleicht gibt es bald keine Ampeln mehr!
  • Und wenn es keine Autounfälle mehr gibt, was passiert dann mit den Versicherungen? Kollabieren dann auch noch unsere Versicherungen – oder schaffen wir noch rechtzeitig eine andere Art der Finanzierung als bisher?
  • Und was die Macht der sozialen Medien anbetrifft: „Wissen Sie, wie viele Follower Präsident Trump z.Zt. hat? Täglich? 57 Millionen…“ Boa!

 

Diekmanns Fazit:

  • Wir stehen vor dramatischen Veränderungen!
  • Die digitale Welt ist eine „völlig neue Welt“!
  • Es wird eine Welt, in der sich die Bedeutung der Zeit verändert. Sie spielt fast keine Rolle mehr.
  • Räume spielen fast keine Rolle mehr.
  • Es ist eine neue Welt, die wir noch gar nicht richtig begreifen…!
  • Entscheidend wird die Konnektivität. Für Menschen wie das IoT!
  • Vielleicht werden wir in zwei verschiedenen Welten leben: der realen Welt einerseits und der virtuellen Realität..?
  • Algorithmen werden die Welt verändern und beherrschen. In der Medizin-Diagnostik, wie bei der Arbeit von Rechtanwälten und Steuerberatern. Beispiel: 6 Rechtsanwälte haben ein komplexes juristisches Problem zu lösen gehabt und brauchten dafür 92 Minuten. Ein Computer schaffte das in 26 Sekunden!
  • Wir müssen viel mehr vom Kunden her denken und mit guten Teillösungen unserer Produkte an den Markt gehen – mit ihm erproben – und dann kundenorientiert zu Ende entwickeln…!
  • Die Technikentwicklung treibt die Prozesse und Veränderungen. Dadurch geht es uns (überall?) viel besser als früher: Das sieht man z.B. an der Lebenserwartung der Menschen, die immer höher wird…
  • Die Welt und damit die Zusammenarbeit und die Führung von Menschen wird sich oder hat sich z.T. schon radikal ändern: Wie Steve Jobs einmal sinngemäß sagte: „Wir stellen Menschen bei uns ein, die wir nicht mehr verstehen… Wie sollen wir sie dann wie früher noch führen…?
  • Der Machtverlust von Managern ist nicht schlimm, sondern gut und notwendig: Sie führen sich am besten selbst…
  • Und der Nationalstaat wird seine Bedeutung ebenfalls verlieren: Er ist schon heute nur noch „eine Zählgröße“: Denn die heutigen großen Plattformen haben heute schon mehr Wissen und Macht als die Staaten… Der Staat und viele staatliche Stellen/Einrichtungen sind zu langsam. Ein Beispiel: „Wissen Sie, dass die AfD heute in Deutschland schon mehr Follower hat als CDU und SPD zusammengenommen?“
  • Die Beschleunigung der Veränderung ist schwindelerregend …!

 

Diekmann hat noch eine Story und noch eine Pointe – und könnte noch 24 Stunden lang weitererzählen, wenn die Zeit nicht schon so weit vorgerückt wäre. Er sitzt immer wieder und immer noch auf der Vorderkante und spricht. Schnell, mit Zahlen. Mit Beispielen. Mit Überzeugung und Leidenschaft!

Das Publikum ist begeistert! Klatscht. Will am liebsten noch viel mehr hören. Alte klatschen, Junge und auch die Jahrgänge dazwischen. Kopfnicken. Wissendes Lachen zum Nachbarn. Nachdenklichkeit und stille Betroffenheit in unbewegten Gesichtern.

Der Missionar hat gewonnen. Hier hat er überzeugt.

 

Mein Statement als Beobachter und Psychologe:

Kai Diekmann ist ein Energiebündel. Er ist dominant und durchsetzungsfähig. In seiner Argumentation nicht zimperlich, gelegentlich humorvoll, zuweilen sogar aufrüttelnd aggressiv. Ein guter Unterhalter, weil „Storyteller“. Er kann die Pointen ausspucken wie Kerne, an denen sich die anderen dann abarbeiten können – oder müssen. Er war scharfzüngig. Aber nicht bösartig, obwohl es Bilder von ihm gibt, die das nahelegen. Er wirkt selbstsicher, zielgerichtet. Strikt und konsequent. Und er hat natürlich ein Gefühl für Pointen, das er sportiv ausspielt. Und er ist ein Vereinfacher, der auf alle Fragen notfalls sagt locker: „Ich glaube…“ in einer Zeit mit wenig Autoritäten ist er ein wirksamer Anführer. Er scheint das zu wissen und zu genießen.  Das Publikum auch.

Diekmann gibt sich als konsequenter professioneller Zukunftsoptimist. Er wackelt nicht mit Downsides, Zweifeln und Gefahren. Die Zukunft ist klar und er denkt straff! Denn er war dabei. Und ist dabei. Er sieht die Fortschritte der Technik – und spricht nur über diese Fortschritte: Er war in Amerika und hat diese andere Mentalität erlebt, die ihn so begeistert und gleichzeitig bedroht – wenn er an Deutschland denkt…

Über den historischen – und vielleicht epochemachenden Verlust der Privatheit verliert er kein Wort. Der Machtverlust der Staaten als regulatorische und moralisch-politische wie rechtliche Instanz sagt er kein Wort. Er konstatiert wie ein Großwildjäger für journalistische Ereignisse die Abläufe im Dschungel der Menschen und der Macht. Alles zeigt nur seine nahezu unbegrenzten Möglichkeiten. Wer nichts versucht, hat sein eigenes Problem. Alles nur eine Frage der persönliche Initiative. Gesellschaftlich Wirkkräfte, die etwas oder jemanden ausschließen oder die zu Ungerechtigkeiten führen? Die kurz- oder langfristigen Folgen für die sozialen Verhältnisse und den zwischenmenschlichen Umgang? Die Auslieferung des Menschen an seine Datennutzer? Wo ist denn da ein Problem? Das kann doch jeder selbst entscheiden! Wen interessiert das hier, wo es nur um Erfolg, Ökonomie, Durchsetzung und Technik geht. Eine moralische Diskussion über die Stellung der Atomkraft oder die Sehnsucht der nachfolgenden Generationen nach einem bewohnbaren Planeten? Kein Wort dazu oder darüber. Nur dabei sein und nicht zu spät kommen…

 

Der Triumph der Technik, die sehblinde Fetischisierung des rein Vordergründigen, die keine Prüfung eines doppelten Bodens mehr kennt und die keine menschlichen Kosten oder solche für die Erde selbst,  hat einen weiteren Missionar gefunden, dessen Blick festgetrimmt auf das nahende Paradies ausgerichtet ist.