Was für ein Film! Eine fantastische Glenn Close, ein glänzender Jonathan Pryce und ein starker Christian Slater!

Nein, nein, ich schreibe hier keine Werbung für den neuen Film, der Glenn Close eine Oscar-Nominierung eingebracht hat. Dieser Film ist eine Werbung für sich selbst. Aber er ist viel mehr:

 

Er ist eine psychologische Studie über einen erfolgreichen Narzissten. Er ist natürlich Schriftsteller. Der Film ist eine Studie einer öffentlichen und einer wahren Beziehung zwischen Mann und Frau. Er ist eine Familien-Studie. Er ist eine Studie der vergehenden bürgerlichen Rollen-Beziehungen zwischen Mann und Frau. Er ist ein Ausrufezeichen in der Zeit von #MeToo.

 

Und er ist ein Film für das Kino, für eine große Leinwand, auf der man die fast unglaublichen Wandlungen im Gesicht von Glenn Close beobachten kann. Ihre Augen, ihren Mund, jede Kopfbewegung ein Statement. Jeder Blick eine Aussage.

Und ihre Äußerungen sind die Wiederholungen von Generationen. Punktgenau getimt. Das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrungen unzähliger Frauen in den Beziehungen mit unzähligen Männern. Eine fast leise Sozialstudie, die im Verlauf der Geschichte die Wucht eines Erdbebens annimmt und das bringt, wenn sich Kontinente verschieben: Den Tod.

 

Schon die intime Eröffnungsszene im Bett signalisiert die fundamentale Dimension, um die es gehen wird. Und der Film endet mit einem existentiellen Ergebnis: Nach dem Tod das Fortschreiten der stillen Normalität des Alltags. Dazwischen nur das Vergehen einer Beziehung in der Traurigkeit des Entsetzens, die ungläubig wahrnimmt, was hier in der Wirklichkeit gerade geschieht.

 

Aber der Film zeigt auch die raffinierte Normalität der beobachtenden Medien, hier in der Rolle eines investigativen Biographen, der mit intellektueller Finesse sucht und besucht. Gefragt und ungefragt. Willkommen und unwillkommen. Der sucht – und auch findet. Das, was er wissend oder spekulativ findet in den Bruchstücken von Informationen entwickelt sich zu einem Bild der Persönlichkeit für die Öffentlichkeit, die von keiner Privatheit mehr geschützt wird. Also ist der Film quasi nebenbei auch eine Parabel auf die Nacktheit des Individuums in dieser Zeit, in der durch das digitalisierte und vernetzte Wissen die letzten Geheimnisse zerstörbar sind, seien sie nun aufrichtig gelebt oder auf einer Lüge aufgebaut.

 

Die Selbstverleugnung von Generationen von Frauen wird hier sichtbar, die mit ungeheurer Kraft eine Normalität stützen, die viele Wirklichkeiten auf den Kopf stellt. Die in einer schier unendlichen Widersprüchlichkeit ihre systemischen Schleifen zog und noch immer zieht, die einer sozialen Wirklichkeit ihre Harmlosigkeit aufmalt, während unter der Oberfläche das emotionale Magma arbeitet.

Man könnte sagen, dass die Szenen zwischen Vater und Sohn eine fast übertrieben klar dargestellte Pathologie zeichnen, aber als Psychologe weiß man, wie oft diese Wirklichkeit im Lebensalltag von den Betroffenen nicht erkannt oder geleugnet wird, bis es nicht mehr erträglich erscheint.

 

Hier wird die Psychostudie eines Paares zu einer gesamten Familienanalyse, die bei der Anwendung des psychotherapeutischen Skalpells eine soziale Obduktion zur Folge hat, an der die Wirkung von öffentlichen Appellen einfach abprallt.

 

Wenn die „ZEIT“ in einer aktuellen Ausgabe für die Gleichberechtigung von Frauen in Parlamenten kämpft und die Überschrift nutzt „Hundert Jahre Warten sind genug!“, dann wird hier im Film offengelegt, warum gesetzliche Regelungen alleine die soziale Wirklichkeit so schnell nicht verändern. Denn die Wirklichkeiten in den Köpfen, den eigenen Gefühlen, den intimsten Beziehungen sind härter als Stein, den man im besten Falle einfach nur langsam abtragen oder eben sprengen kann. Die gespeicherte Energie von prägenden Kindheitserfahrungen lässt sich nicht schnell und unmittelbar auflösen durch rationale Appelle, Gesetzesänderungen oder öffentliche Aufrufe. Sie enden eben in vielen individuellen Katastrophen, bevor sich das Ganze eines übergeordneten sozialen Systems durch unzählige stille oder öffentliche Proteste, durch Auseinandersetzungen im intimen Kreis der Familie genauso wie im öffentlichen Diskurs nachhaltig, offensichtlich und öffentlich verändert.

 

Dazu sind nicht nur gelegentliche Selbstreflexionen von Individuen vonnöten, sondern die permanente Dauer offener und schmerzhafter Auseinandersetzungen, die nicht immer nur konstruktiv dialogisch sind, sondern manchmal oder oft auch infrage stellend. Sie sind im persönlichen Erleben meist schmerzhaft und Wunden hinterlassend, bevor sie in der allgemeinen Öffentlichkeit als neue soziale Regel sichtbar oder sogar durchgängig wirksam werden.

 

Die soziale Evolution ist zwar schneller als die biologische, aber oft nicht viel schneller als die

psychologische! Oder klarer gesagt: Sie ist langsamer! Denn die Summe der Veränderungen eines sozialen Systems sind nicht nur die Summe der individuellen Veränderungen, sondern auch die Folge verschiedenster ökonomischer, gesetzlicher und moralischer Vorstellungen.

Wer hier ungeduldig wird, kann zwar den Anschein einer Anerkennung und Beifall fördernden Fortschritts-Position gewinnen, aber er verändert damit nicht automatisch die Struktur und die Prozessschritte des wunderbaren und wundersamen Organs im Menschen, das sich „das Gehirn“ nennt. Und hier ist leider psychologisch wie neurologisch festzustellen, dass das Gehirn zwar schnell und eindeutig in der Lage ist, neue Ziele festzulegen, aber nichtsdestotrotz nur langsam in der Lage ist, neue Ziele umzusetzen. An dieser Tatsache beißen sich unzählige Generationen, unzählige Missionare, unzählige Demonstranten, unzählige Protestanten schon immer lange die Zähne aus. „Einsichten“ können auf rein rationalen oder technischen Gebieten durchaus zu schnellen Änderungen führen. Im Bereich des Emotionalen und des sozialen Geschehens gelten aber andere Mechanismen und Zeiträume.

Rein neuropsychologisch oder psycho-mechanistisch spricht man hier von „Umsetzungs-Interferenzen“. (Die Kognitionspsychologen wissen bestimmt, was damit genau gemeint ist!) Die Beispiele hierfür sind Legion. Sie zeigen, wie die schönsten und besten Ideen oft an den Hindernissen der Umsetzung scheitern. Man nennt das dann „Wirklichkeit“!