So fangen moderne Märchen an:Es war einmal ein Empfang. Einer der edleren Sorte. Eine gute Adresse hatte geladen ...Gestern war der Termin.

Ich erzähle Ihnen von meinem diskrepanten Erlebnis an diesem Abend:

Digitalisierung oder Emotionen?  Dazu am Schluss der Beschreibung.

 

Der Abend verlangte eine Kombination aus erfolgreichem Unternehmen, Geld und der Ausstrahlung von etwas Edlem, Wertvollen, Hehren. Vielleicht auch etwas Unschuld. Die Kunstgegenstände des Hauses: Bilder aus der Frühzeit der Moderne. Also überwiegend gut hundert Jahre alt.

Schon am Eingang herrschte Gedränge – wegen der vielen geladenen Besucher. Das Empfangskomitee war gut und professionell: Attraktive, freundliche Damen und Herren händigten die Namensschildchen aus. Direkt dahinter gab´s den obligatorischen Sekt, Wein und Orangensaft.

 

Dann stand man schon im Gedränge. Suchend, ob man vielleicht jemanden kennt? Ich habe aber nicht alleine gesucht. Viele suchende Blicke um mich herum. Vermutungen, wer zu den Angehörigen der renommierten Firma gehören könnte, wer vielleicht Kunde war. Überwiegend dunkle Anzüge der Männer. Mal ein dunkelblauer mit schmalem, mal mit breitem Nadelstreifen, wenige hellgraue, kaum braune. Irgendetwas Strenges und Dunkles bei den Damen. Nur wenige bunte Eichhörnchen: Eines mit rot-weiß gestreiftem Hemd und grünem etwa in der Gegend, in der normalerweise Fliegen oder Krawatten regieren.

 

Alle hatten ein Glas in der Hand und griffen nach den Minibrötchen ohne Belag. Man plauderte in Minigrüppchen zu zweit oder zu dritt. Und wartete. Ein gelegentliches Umdrehen und Schweifen-Lassen des Blicks. Lautes Reden. So laut, dass man seinen Nachbar kaum verstehen konnte. Anscheinend waren viele dabei, die sich schon gut kannten. Vielleicht aber auch nicht?

 

Dann die Begrüßung durch einen Sprecher des Unternehmens. Leicht positives Sprechen über den Erfolg des vergangenen Jahres. Einige konkrete Beispiele, einige Zahlen. Alle positiv. Einige Insider-Geschichten. Ein kleines Bisschen zu laut, ein bisschen zu ironisch in der Formulierung. Verhaltener Applaus des Publikums.

In mir fand ein Gedanke eine Vermutung: War es vielleicht keine Kunden-, sondern eine Verkaufs-Veranstaltung? Eine der besonderen Art.…?

 

Dann die Vorbereitung für den Vortrag des Gastredners. Vorstand einer größeren bekannten Firma. Die Vorbereitung dauerte etwas länger. Aufbau eines kleinen Podiums und der Technik. Wir mussten warten. Länger als von mir erwartet.

Aber die Wartenden murrten nicht, beschwerten sich kaum, höchstens ironisch im kleinen Kreis. Gelegentlich ein kleines „Gähnerchen“ hinter vorgehaltener Hand. Contenance war angesagt. Sie klappte.

 

Ein schwarzes Tuch wurde an die Wand des imaginären Minipodiums gehängt. Einige Meter davor ein transparenter Vorhang. Ah… erst Aufmerksamkeit, dann Spannung. Dann Warten. Erst einmal tat sich wenig: Nur Aufbau … Dann kam der Vorstand. Sein Thema: Die Digitalisierung in der eigenen Branche! Für ihn in bekennender Weise ein Herzensthema.

Er stand schweigend hinter dem Vorhang. Erst amüsiertes leises Rätselraten, dann eine gewisse Ratlosigkeit: leise Fragen, was hier wohl passieren würde. Dann spöttische Kommentare im kleinen Kreis darüber, wie sich die Szene veränderte und was der Mann im Käfig zwischen Tuch und transparentem Vorhang für Kunststücke machen würde. Eine Performance vielleicht?  Auf jeden Fall eine unmittelbar veränderte Beziehung zu den Gästen: Keine unmittelbare Nähe mehr wie vorher. Eher einer Theaterinszenierung ähnlich. Auf jeden Fall keine übliche Chart-Präsentation.

 

Von mir aus gesehen kam erst die drängende Menge der Besucher, also die empfangenen Gäste. Dann ein Absperrband. Dann – mit Abstand – der herabgelassene durchsichtige Vorhang. Dahinter mit Abstand der vortragende Vorstand, der sein Manuskript zusammengerollt in den Händen hielt. Dann wieder ein Abstand bis zum schwarzen Tuch an der Wand.  Das war aus irgendeinem Grund wohl technisch nötig.

 

Dann die kurze Begrüßung und die Begründung, warum er heute über die Digitalisierung spreche. Und dass er das gerne mache. Dann flackerten Bilder auf der Projektionsfläche des transparenten Vorhangs auf: Das Thema. Der Name. Und laute Musik. Wie im Kino.

Dahinter der Vortragende.

 

Ich hatte den Vortragenden schon einmal gehört: Da war er spontan, launig, zeigte Kompetenzstolz und redete fast frei, sprach Personen direkt an und nahm Fühlung mit dem Publikum auf. Heute war das anders: Er las seinen Text mehr ab, als dass er improvisierte. Er wollte genau und eindrucksvoll sein. Sprach viel von Emotionen und der Leidenschaft, die für den Job – und vor allem für eine gute Kundenbeziehung – so notwendig seien und von denen das Erlebnis des Produktes einfach lebe. Und deshalb wollte er den Gästen als ersten Externen das neue strategische und marketingbezogene Digitalisierungskonzept seines Unternehmens näherbringen. Sein Gesicht war kaum erkennbar. Aber irgendwie war er doch da. Irgendwie.

 

Er hatte sich offenbar vorgenommen, viel und genau und ausführlich und überzeugend und werbend und penetrierend und … zu verkaufen. Das tat er auch!

 

Wir wurden in einige Erfolgs-Geheimnisse der Branche eingeweiht. Wir konnten verstehen lernen, worum es in der digitalisierten Zukunft der Branche geht, nämlich um Fragen wie: „Wessen Daten haben wir, um ihr oder ihm etwas verkaufen zu können? Wen können wir ins Netzwerk einbeziehen, um mit ihm Geschäfte zu machen? Wie können wir bestimmte Leistungen, Erlebnisse und den Produkt-Nutzen so personalisieren, dass wir bedarfs- und bedürfnisgerecht gut verkaufbare Produkte und Dienstleistungen anbieten können? Wie können wir uns richtig und unverwechselbar positionieren, wie zeitnah und individuell zugeschnitten informieren, kommunizieren, einbeziehen, sharen, rückmelden, verhandeln, Verträge abschließen und den Kunden das emotionale Erlebnis der neuen Produkte nahebringen, um sie damit zu fesseln?“

 

Ich zog mein unmittelbares persönliches und sinnliches Fazit. Ich war um eine Erfahrung reicher:

Ich mitten in der gedrängten Menge. Vor mir ein Absperrband. Dann eine transparente Projektionswand. Darauf schoss ab und zu eine rote oder weiße Information. Dahinter – wie gefangen – der leicht transpirierende Vorstand, der sich kaum vom Fleck rührte oder rühren durfte. Der über große Emotionen sprach und sich große Mühe gab, die Emotionen mit der Digitalisierung zu verbinden. Allein, es kamen keine Emotionen rüber… Und hinter mir eine Menge Menschen, die einfach nur miteinander reden wollten!

 

Das also war die endgültige Ankunft der Hypermoderne: Mehr Technik. Mehr Inszenierung. Mehr Distanz. Verlorengehende Beziehung zu den Menschen, zwischen den Menschen. Große Verkündung großer Ziele. Das Motto: Man muss die Zukunft immer positiv sehen! Das gehört zu handlungsorientierten Machern und Unternehmern! Vor allem, wenn es kritisch zu werden droht. Das Regime der Maschinen drängt sich in den Vordergrund. Und die Menge, die wartet, wenn auch geduldig, sucht einfach nach Essbarem. Das Essen als das Symbol des Vitalen wird immer gesucht. Die Technik dominiert die Szene. Und das Emotionale, das gefeiert wird, bleibt kaum mehr spürbar im Ablauf der Dinge. Aber noch reden wir davon…

 

Nach dem Weggang, draußen auf dem Bürgersteig, kam ein einfaches, wunderbares Gefühl: Ich war noch einmal davongekommen!