1 - 99 - 22 - 9 ... Nein, das ist keine Telefonnummer. Es sind die zufälligen Zahlen von Toten, die Opfer wurden durch ... „Meinen Hass bekommt ihr nicht!“

Plötzlich gibt es Bilder. Krasse Bilder. Auf den Titelseiten der Zeitungen. Bilder und Nachrichten im Fernsehen. Auf Facebook sucht man nach nahen Freunden, mit denen man das Ungeheure, das kaum Begreifbare teilen will, den Schock, den Schmerz, die Trauer teilen will, damit sie kleiner wird. Damit einen jemand tröstet.

Irgendwann wird nicht mehr darüber gesprochen, aber für die Gefühle der direkt Betroffenen gibt es kein Irgendwann. Für die direkt Betroffenen ist es nicht vorbei. Es dauert an…

Wenn es passiert ist, herrschen Schrecken, Trauer, Bestürzung, Betroffenheit und…Angst…

Und was passiert danach?

Stunden, Tage, Wochen, Monate danach: Quälende Gedanken, die nicht aufhören. Tränen danach, die irgendwann versiegen. Gefühle der Trauer, an die sich viele gewöhnen, aber die Betroffenen nicht. Gefühle des Verlustes, an die sich keiner gewöhnt.

Der Schmerz geht nicht vorbei. Für viele ein ganzes Leben – weil es das Leben gekostet hat. Das des eigenen Mannes, der eigenen Frau, der Freundinnen, des Sohnes, der Mutter. Das von Unbekannten, von vielen Unbekannten. Das von völlig Fremden. Das von…

Unfassbar ist der Tod allemal.  Zuweilen schockartig. Immer ist er überwältigend. Für viele sofort und umfassend. Für andere wie eine kühle Vereisung, deren Ergebnis wie ein stilles Ausgehen des Lichtes anmutet. Für andere ist es einfach die Nacht, die nicht mehr zu enden scheint.

Der Tod ist wie ein Besucher, dessen Dasein man nicht mehr vergisst. Nie mehr, auch wenn die Worte darüber versagen. Aber die Gefühle vergehen nicht. Sie werden gespeichert.  Sie sinken ein in die Seele wie ein Stein ins Wasser. Man weiß aber um ihr Dasein, das tiefer ist und gefährlicher, wenn man nicht nur an der Oberfläche surft, sondern tiefer taucht. Wenn man unversehens gegen den Stein in der Tiefe trifft, kann das schmerzhaft sein. Das wissen die Lebenden oft nur zu gut. Und vielleicht auch die Toten…

Das wissen auch die Überlebenden. Die Überlebenden des 1. Weltkrieges. Die Überlebenden des 2. Weltkrieges mit seinen 50 Millionen Toten, deren Namen in der Unendlichkeit vergehen.

Und doch sind sie im Gedächtnis der 70- und 80-Jährigen, die heute noch mit einer roten Blume in der Hand die Gräber in Stalingrad besuchen, weil die Erinnerung sie zum Suchen zwingt, um die letzten  zugänglichen Zeichen für die Erinnerung zu finden, die nicht vergangen sind.

Das wissen die Überlebenden von Vietnam. Ob weiße oder schwarze Amerikaner, ob kleine gelbe Vietnamesen. Das wissen die Opfer von Mylai…Das wissen die Überlebenden des Jom Kippur-Krieges auf beiden Seiten…

Das wissen die Flüchtlinge aus Uganda und Nigeria. Das wissen die Überlebenden der Tsunami-Katastrophe von 2004 als Folge des Sumatra-Andamanen-Bebens, das mit der Stärke von 9,1 eine asiatische Katastrophe auslöste, deren Ausläufer bis nach Amerika und nach Europa reichten.

Das wissen die Kämpfenden und die Kampfesmüden in Syrien und im Jemen… Das kennen die Opfer und Ihre Familien in Afghanistan.

Aber…

Ist das das Gleiche wie Anfang August 2019? Erst Frankfurt in Deutschland, dann El Paso und Dayton in den USA.

Zuerst der mit der Mutter vor den Zug gestoßene Achtjährige im Frankfurter Hauptbahnhof. Ein Todesstoß, der ihr ebenso galt wie dem Sohn, den sie nur überlebte, weil sie sich auf einen Steg nebenan retten konnte, während ihr Sohn zentimeternah vom ICE überrollt wurde. Wie wird Sie das schreckliche Unglück verarbeiten? Wie wird sie weiterleben, weiterleben können angesichts der unfassbaren Sekunden neben ihr…?

Dann EL Paso und Dayton. 22 Tote da und 9 Tote dort.  Und zwei weitere Opfer, die ihren schweren Verletzungen wenige Tage später erlagen. Ausgesucht und bewusst erschossen von zwei jugendlichen Erwachsenen…

Und ein amerikanischer Präsident, der daraufhin wieder für die Todesstrafe in den USA plädiert, obwohl man weiß, dass solche Verbrechen dadurch nicht verhindert werden…

31 Menschen erschossen von jemandem, der anscheinend Hass auf Mexikaner hatte.

Erinnerungen an den Terror vom 13. November in Frankreich im Le Bataclan-Theater am 50 Boulevard Voltaire werden wach, der 99 Menschen das Leben kostete. Unschuldige, die nicht an Kampfhandlungen beteiligt waren. Die als Wehrlose in Rollstühlen niedergemäht wurden von islamistischen Fanatikern mit einem Hass auf Menschen und die Politik in Europa. Oder die zwölf Toten von Charlie Hebdo 2015, die bei ihrer Arbeit als Karikaturisten, als Satiriker und Zeichner beschäftigt waren und „nur“ lästerliche Comics verbreitet hatten, die aber Mohamed als Zielscheibe gehabt hatten…

Rache scheint ein unausrottbares Relikt unserer animalischen Vergangenheit zu sein. Nicht herausgefunden von friedlichen Anthropologen, die aus Fossilien auf unsere Abstammung schließen, sondern bewiesen an der Faktizität des Inhumanen in unserer heutigen Welt.

Gedenken wir der Toten, auch wenn sie nicht wieder auferstehen. Geben wir Ihnen eine Ehre und sei es die letzte. Ihr Tod erinnert uns an das Leben. Ein Leben, das ohne Tod nicht gelebt werden kann. Geben wir Ihnen unsere Achtung und unsere Zuwendung – und sei es nur für Augenblicke. Auch wenn wir uns wieder dem Leben zuwenden, sollten sie nicht vergessen sein. Denn ihr Verlust ist einfach ein Verlust, der nicht wieder gut zu machen ist.

Verbeugen wir uns vor Ihnen! Verbeugen wir uns auch vor jenen, die nach dem Tod, der Ihnen alles nahm, zur Versöhnung mit den Tätern bereit sind.  Ob dies die Überlebenden des Krieges oder des Holocaust waren – oder noch sind. Vergessen wir nicht die Überlebenden der fast unzähligen Anschläge und Terrorattacken weltweit, deren Opfer keine Beziehung zu den Tätern hatten. Gerade wegen des Zufalls wurden Sie von den Tätern ausgesucht, damit der unkalkulierbare Schrecken noch größer, noch trauriger, noch schmerzhafter und noch unfassbarer wird.

Das Leben weggenommen. Aus vollem Lauf. Ohne Vorbereitung für die Opfer und mit voller Absicht für die Überlebenden. Das Ungeheuerliche als unmittelbare Realität. Vor uns. Neben uns. Den Überlebenden als dauernder Schmerz zum Mahnmal gemacht.

Antoine Leiris, ein junger französischer Journalist, der den Abend des 13.Novembert 2015 in all seiner Kälte und Unverrückbarkeit erlebte, schrieb danach ein schmales Bändchen, um sein Trauma zu verarbeiten, seines und das seines kleinen Sohnes:

 

„Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht.“

 

Angesichts der Blumen im Frankfurter Hauptbahnhof an Gleis 7, angesichts der Nachrichten im Radio, IM Fernsehen, in den Zeitungen, in Gesprächen, in den immer wieder auftauchenden Fragen und Gedanken: “Warum? Warum? Warum nur? Lieber Gott…“?

Angesichts dieser Bilder, Gedanken und Gefühle fiel mir ein unvergesslicher Abend ein, den ich vor wenigen Jahren erlebt habe: Eine der letzten Überlebenden des Holocausts berichtete von Ihren Erfahrungen in vier verschiedenen KZs. Einer der Zuhörer im Plenum ließ sich zu einer – mir unsäglich erscheinenden – Frage hinreißen:

„Und Sie: Was haben Sie gedacht oder gefühlt, als Sie die Schornsteine rauchen sahen?“

In die lähmende Stille des Raumes hinein antwortete sie mit klarer Stimme:“ Meine Seele fiel in Ohnmacht!“

Ihre Mission nach dem Krieg: Hierzulande in die Schulen zu gehen und für die Versöhnung gerade der jungen Generation zu arbeiten. Nicht für die Rache…

Sie ist ein Vorbild, das die Kraft aufbringt, die es im Leben verlangt…